Mitten im Gespräch verschwindet ein Stück vom Gesicht des Gegenübers. Am Rand wächst ein flimmernder Zickzackbogen, der langsam durchs Blickfeld wandert. Der Kopf tut noch nicht weh. Das ändert sich meist bald. Wer das kennt, hat vermutlich eine Migräne mit Aura, und die Angst, dass etwas Gefährliches dahintersteckt, ist verständlich.
Was bei einer Aura im Kopf passiert
Die Aura ist eine vorübergehende Störung der Hirnfunktion, die meist vor dem Kopfschmerz beginnt, manchmal auch währenddessen. Man vermutet, dass eine Welle verminderter Nervenaktivität über die Hirnrinde wandert. Das erklärt, warum Symptome nicht schlagartig auftreten, sondern sich langsam ausbreiten. Ganz geklärt ist der Mechanismus nicht.
Nach der internationalen Kopfschmerzklassifikation (ICHD-3) gehört zur typischen Aura, dass sich mindestens ein Symptom über fünf Minuten oder länger allmählich ausbreitet. Jedes einzelne Symptom hält zwischen fünf und 60 Minuten an und bildet sich vollständig zurück. Der Kopfschmerz folgt häufig innerhalb einer Stunde. Er kann aber auch ausbleiben, dann spricht man von einer Aura ohne Kopfschmerz.
Woran Sie eine Aura erkennen
Am häufigsten sind Sehstörungen: Flimmern, gezackte Linien, helle Flecken oder ein Gesichtsfeldausfall, der sich verschiebt. Seltener kommen Gefühlsstörungen dazu. Ein Kribbeln wandert dann von den Fingern über den Arm bis ins Gesicht. Noch seltener sind Sprachstörungen, bei denen die Worte nicht mehr herauskommen.
Die Reihenfolge ist oft ein Hinweis. Erst Sehen, dann Kribbeln, dann Sprache: Diese Abfolge über Minuten ist für Migräne typisch. Ein Schlaganfall beginnt dagegen meist abrupt, die Ausfälle sind sofort in voller Stärke da.
Wann es keine Migräneaura ist
Nicht jedes Flimmern kommt aus dem Gehirn. Plötzliche Lichtblitze, ein Schwarm schwarzer Punkte oder ein Schatten, der wie ein Vorhang von der Seite kommt, können auf eine Netzhautablösung hinweisen. Das ist ein Fall für die Augenärztin am selben Tag.
Auch das Alter zählt. Wer mit 55 zum ersten Mal Flimmern, Lähmungen oder Sprachstörungen bemerkt, sollte nicht auf Migräne tippen, sondern ärztlich abklären lassen. Eine kurze Durchblutungsstörung des Gehirns (TIA) kann ähnlich aussehen und kündigt manchmal einen Schlaganfall an.
Was während der Aura hilft
Die gute Nachricht: Die Aura selbst ist harmlos und klingt von allein ab. Gegen sie gibt es kein Mittel, das man einnehmen müsste. Was Sie tun können:
- Tätigkeit unterbrechen. Autofahren, Treppen und Maschinen sind in dieser Zeit tabu.
- Hinsetzen oder hinlegen, in einen ruhigen, abgedunkelten Raum gehen.
- Auf die Uhr schauen. Dauer und Ablauf gehören später in den Kopfschmerzkalender.
- Ein verschriebenes Akutmedikament nur so einnehmen, wie Ihre Ärztin es erklärt hat. Wann der richtige Zeitpunkt ist, hängt vom Präparat ab und wird individuell festgelegt.
Rezeptfreie Schmerzmittel sind bei leichteren Attacken Teil der Akuttherapie. Welches Mittel zu Ihnen passt, klären Sie in der Apotheke oder Hausarztpraxis, Dosierungen gehören nicht in einen Blogartikel.
Wie die Diagnose gestellt wird
Ein Bluttest oder ein Bild beweist die Migräne mit Aura nicht. Die Ärztin fragt nach dem Ablauf: Was kam zuerst, wie lange dauerte es, wie sah das Flimmern aus, trat es immer auf derselben Seite auf? Danach folgt eine körperliche und neurologische Untersuchung, bei der Reflexe, Kraft, Gefühl und Augenbewegungen geprüft werden. Sind die Befunde unauffällig und der Verlauf typisch, reicht das meist aus.
Hilfreich ist, wenn Sie die Aura beim nächsten Mal kurz skizzieren oder mit dem Handy notieren, was Sie sehen und wann es beginnt. Menschen vergessen im Nachhinein erstaunlich viele Details. Wer eine Begleitperson hat, bittet sie, auf Sprache und Gesicht zu achten.
Dauerhaft vorbeugen
Wenn die Attacken häufig sind oder den Alltag stark einschränken, kommt eine vorbeugende Behandlung infrage. Das entscheidet die Ärztin gemeinsam mit Ihnen, etwa bei mehreren Attacken im Monat. Dafür stehen verschiedene Medikamentengruppen zur Verfügung, die ein Arzt verordnet. Setzen Sie nichts eigenmächtig ab oder neu an.
Ohne Tabletten können Sie ebenfalls etwas tun. Feste Schlafzeiten, regelmäßige Mahlzeiten, Ausdauersport und Entspannungsverfahren senken bei vielen die Zahl der Attacken. Den Beweis liefert nur Ihr eigener Kalender, und genau dafür ist er da. Mehr zu den Unterschieden zwischen den Kopfschmerzformen steht in unserem Beitrag Spannungskopfschmerz oder Migräne.
Aura und Verhütung: ein Punkt für das Gespräch in der Praxis
Migräne mit Aura ist mit einem leicht erhöhten Schlaganfallrisiko verbunden. Das Risiko steigt zusätzlich bei Rauchen und bei Verhütungsmitteln, die Östrogen enthalten. Frauen mit Aura wird daher meist von kombinierten hormonellen Verhütungsmitteln abgeraten. Es gibt gut verträgliche Alternativen. Sprechen Sie Ihre Frauenärztin darauf an und erwähnen Sie die Aura ausdrücklich. Setzen Sie die Pille aber nicht auf eigene Faust ab.
Wann Sie sofort zum Arzt sollten
Rufen Sie den Notruf 112, wenn:
- Lähmung, Sprachstörung oder Gesichtsfeldausfall schlagartig einsetzen
- die Symptome länger als eine Stunde anhalten
- sich die Aura deutlich anders anfühlt als sonst
- zur Aura Fieber, Nackensteifigkeit oder Bewusstseinsstörung kommen
Beim ersten Auftreten einer Aura gehen Sie in jedem Fall in die Praxis, auch wenn alles vorüber ist. Gleiches gilt, wenn die Aura plötzlich länger dauert oder häufiger wird.
Häufige Fragen
Ist eine Aura gefährlich?
Die typische Aura selbst nicht. Sie bildet sich zurück, ohne Schäden zu hinterlassen. Das erhöhte Schlaganfallrisiko betrifft vor allem Frauen mit weiteren Risikofaktoren wie Rauchen oder Östrogen.
Kann ich eine Aura ohne Kopfschmerz haben?
Ja. Das kommt vor, besonders mit zunehmendem Alter. Weil die Abgrenzung zu einer TIA wichtig ist, gehört der erste solche Fall zur ärztlichen Abklärung.
Sollte ich bei Aura ein MRT machen lassen?
Bei typischem Ablauf und unauffälliger neurologischer Untersuchung meist nicht. Bei neuen oder untypischen Symptomen entscheidet die Ärztin, ob Bildgebung nötig ist.
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Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS): The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3). Cephalalgia 2018;38(1):1–211.
- DGN und DMKG: Leitlinie zur Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne (AWMF-Register-Nr. 030/057).
