Im Laborbefund steht eine Zeile, die viele nur überfliegen: HbA1c 6,0 Prozent. Der Nüchternzucker vom Morgen sah unauffällig aus, und trotzdem ruft die Praxis an. Der Grund: Der HbA1c-Wert erzählt etwas anderes als eine einzelne Blutzuckermessung. Er zeigt, wie der Zucker in den vergangenen Wochen im Schnitt gelegen hat. Wer weiß, wie dieser Wert entsteht, versteht den Befund besser und kann ihn gelassener einordnen.

Wie der Langzeitwert entsteht
Rote Blutkörperchen enthalten den Farbstoff Hämoglobin. Zucker aus dem Blut lagert sich daran an, ohne dass ein Enzym nachhelfen muss. Je mehr Zucker im Blut kreist, desto mehr Hämoglobin ist „verzuckert“. Das Kürzel HbA1c steht für genau diesen Anteil.
Rote Blutkörperchen leben etwa 120 Tage. Deshalb bildet der Wert keinen Moment ab, sondern eine Spanne von rund zwei bis drei Monaten, wobei die letzten vier bis sechs Wochen stärker ins Gewicht fallen. Ein üppiges Wochenende verändert ihn kaum. Ein halbes Jahr mit viel Süßgetränken schon.
Prozent oder mmol/mol: zwei Schreibweisen derselben Zahl
In Deutschland steht auf dem Befund oft beides. Die ältere Angabe ist der Prozentanteil, die neuere die Einheit mmol/mol. Beide meinen dasselbe, sie sind nur anders skaliert.
- 5,7 Prozent entsprechen etwa 39 mmol/mol
- 6,5 Prozent entsprechen etwa 48 mmol/mol
- 7,0 Prozent entsprechen etwa 53 mmol/mol
Wundern Sie sich also nicht, wenn Ihre Praxis „48“ sagt und Ihr Laborbogen „6,5“ zeigt.
Was die Zahl aussagt
Die Einteilung der American Diabetes Association, an der sich auch deutsche Praxen orientieren, lautet so:
- unter 5,7 Prozent: im Normalbereich
- 5,7 bis 6,4 Prozent: Bereich des Prädiabetes
- ab 6,5 Prozent: Hinweis auf Diabetes, der durch eine zweite Messung bestätigt wird, sofern keine eindeutigen Beschwerden bestehen
Das Grundthema, also was Prädiabetes bedeutet und wie sich der Verlauf beeinflussen lässt, steht ausführlich in Prädiabetes: Erhöhte Blutzuckerwerte erkennen und gegensteuern. Hier geht es um den Wert selbst.
Eine Zahl am Rand eines Bereichs ist kein Urteil. Zwischen 5,6 und 5,8 liegt kein Abgrund. Entscheidend ist auch die Richtung: Ein Wert, der über Jahre von 5,4 auf 5,9 klettert, sagt mehr als eine einzelne Messung mit 5,9.
HbA1c oder Nüchternzucker: Wann welcher Wert Sinn ergibt
Der Nüchternzucker ist eine Momentaufnahme. Er schwankt mit Schlaf, Infekt, Stress und dem Abendessen. Der HbA1c glättet das. Dafür braucht er kein Fasten, die Blutabnahme geht zu jeder Tageszeit.
Der Langzeitwert ist allerdings nicht in jeder Lage verlässlich. Er kann verfälscht sein, wenn die roten Blutkörperchen ungewöhnlich lange oder kurz leben oder anders aufgebaut sind. Das betrifft zum Beispiel:
- Eisenmangel und Blutarmut (der Wert kann dabei zu hoch ausfallen)
- starken Blutverlust, eine Bluttransfusion oder bestimmte Anämien, bei denen die Blutkörperchen schneller zerfallen (der Wert kann zu niedrig ausfallen)
- erbliche Varianten des Hämoglobins
- fortgeschrittene Nierenerkrankungen
- die zweite Hälfte der Schwangerschaft
Passen Befund und Beschwerden nicht zusammen, schaut die Praxis deshalb zusätzlich auf Nüchternzucker oder einen Zuckerbelastungstest. Das ist keine Schikane, sondern ein Gegencheck.
Was Sie vor der Blutabnahme beachten können
Wenig. Sie müssen nicht nüchtern kommen, und eine strenge Woche davor bringt nichts, weil der Wert ohnehin den längeren Zeitraum spiegelt. Sinnvoll ist, der Praxis zu sagen, wenn Sie in letzter Zeit Blut gespendet haben, eine Transfusion hatten, an einer Blutarmut oder an einer Nierenschwäche leiden. Das erspart Fehlinterpretationen.
Ein häufiger Irrtum: Wer vor dem Termin plötzlich eisern auf Zucker verzichtet, verschönert den Wert nicht über Nacht. Er verfälscht höchstens den Eindruck, den Sie sich selbst von Ihrem Alltag machen.
Und wenn der Wert zu hoch ist?
Dann folgt in aller Regel kein Alarm, sondern ein Plan. Die Praxis wiederholt die Messung, prüft Nüchternzucker, vielleicht einen Belastungstest, und schaut auf Gewicht, Blutdruck und Blutfette. Danach geht es um Stellschrauben, die Sie selbst in der Hand haben: Bewegung, Essgewohnheiten, Schlaf. In bestimmten Fällen besprechen Ärztinnen und Ärzte auch Medikamente. Das entscheidet die Praxis im Einzelfall.
Wie viel Spielraum der Alltag hat, zeigte die Diabetes Prevention Program Study: Bei Menschen mit erhöhten Werten senkte eine Lebensstiländerung das Risiko für Typ-2-Diabetes in knapp drei Jahren um 58 Prozent gegenüber der Vergleichsgruppe. Mehr zu den Studien steht im Beitrag zum Prädiabetes.
Als Faustregel zur Kontrolle gilt: Wer im Prädiabetesbereich liegt, lässt den Wert meist etwa einmal im Jahr prüfen. Bei Diabetes legt die Praxis kürzere Abstände fest.
Wann Sie zeitnah zum Arzt sollten
Lassen Sie sich zeitnah untersuchen, wenn Sie über Wochen ungewöhnlich großen Durst haben, sehr häufig Wasser lassen, ungewollt abnehmen, ständig erschöpft sind oder Wunden schlecht heilen. Das gilt auch dann, wenn der letzte HbA1c unauffällig war, denn ein Wert zeigt immer nur einen Ausschnitt.
Sofort ärztliche Hilfe, im Notfall über 112, brauchen Sie bei starker Übelkeit mit Erbrechen, Bauchschmerzen, auffällig tiefer und schneller Atmung, Verwirrtheit oder Bewusstseinstrübung.
Häufige Fragen
Kann ich den HbA1c selbst zu Hause messen?
Es gibt Selbsttests für zu Hause. Für eine Diagnose zählt aber die Messung in einem Labor oder in der Praxis mit geprüftem Verfahren. Besprechen Sie Heimwerte lieber mit der Praxis, bevor Sie daraus Schlüsse ziehen.
Wie schnell ändert sich der Wert, wenn ich meinen Alltag umstelle?
Wegen der Lebensdauer der roten Blutkörperchen zeigt sich eine Veränderung erst nach Wochen. Für eine aussagekräftige Kontrolle wird meist etwa drei Monate abgewartet.
Ist ein niedriger HbA1c immer gut?
Bei gesunden Menschen ja. Ein auffallend niedriger Wert kann aber auch durch Blutarmut oder verkürzte Lebensdauer der Blutkörperchen entstehen. Bei Menschen mit Diabetes legt die Ärztin oder der Arzt den Zielwert individuell fest, ein möglichst niedriger Wert ist nicht automatisch das Ziel.
Übernimmt die Krankenkasse die Bestimmung?
Im Rahmen des Check-ups für gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren gehört eine Blutzuckerbestimmung dazu. Bei Verdacht oder bei bestehendem Diabetes veranlasst die Praxis die Messung nach medizinischer Notwendigkeit. Fragen Sie im Zweifel in der Praxis nach.
Lesen Sie auch
- Prädiabetes: Erhöhte Blutzuckerwerte erkennen und gegensteuern
- Diabetes und Stoffwechselstörungen: Ursachen, Auswirkungen und Präventionsstrategien
- Blutdruckwerte verstehen: Was die Zahlen bedeuten
Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- American Diabetes Association Professional Practice Committee: Classification and Diagnosis of Diabetes, Standards of Care in Diabetes. Diabetes Care 2024;47(Suppl 1).
- World Health Organization / International Diabetes Federation: Definition and diagnosis of diabetes mellitus and intermediate hyperglycaemia. Report of a WHO/IDF consultation, Genf 2006.
- Knowler W. C. et al.: Reduction in the incidence of type 2 diabetes with lifestyle intervention or metformin (Diabetes Prevention Program). New England Journal of Medicine 2002;346(6):393–403.