Beim Check-up kommt ein Anruf aus der Praxis: Der Nüchternzucker liegt bei 108, der Langzeitwert bei 5,9 Prozent. Diabetes ist das nicht, gesund im strengen Sinn aber auch nicht. Dieser Zwischenbereich heißt Prädiabetes. Er bleibt meist ohne Beschwerden, und genau deshalb lohnt es sich, ihn zu kennen: Hier lässt sich am meisten ausrichten.

Was „Prädiabetes“ genau heißt
Der Körper hält den Blutzucker in einem engen Korridor. Insulin schleust Zucker aus dem Blut in die Zellen. Wird die Wirkung des Insulins schwächer, muss die Bauchspeicheldrüse mehr davon liefern, und irgendwann reicht es nicht mehr, um den Zucker nach dem Essen oder über Nacht niedrig zu halten. Die Werte steigen, bleiben aber unter der Schwelle zum Diabetes.
Fachleute sprechen je nach Messmethode von einer gestörten Nüchternglukose oder einer gestörten Glukosetoleranz. Beides sind Risikozustände, keine Krankheit im Sinne eines Diabetes. Aber sie zeigen, dass der Stoffwechsel Reserven verbraucht.
Welche Werte als auffällig gelten
Die Grenzen unterscheiden sich leicht zwischen Fachgesellschaften. Gängig, etwa in der Einteilung der American Diabetes Association und in deutschen Praxisempfehlungen, sind diese Bereiche:
- Nüchternblutzucker (mindestens acht Stunden ohne Essen): 100 bis 125 mg/dl, entspricht 5,6 bis 6,9 mmol/l. Die WHO setzt die untere Grenze erst bei 110 mg/dl an.
- HbA1c, der „Langzeitwert“: 5,7 bis 6,4 Prozent.
- Zuckerbelastungstest, Wert zwei Stunden nach 75 Gramm Traubenzucker in Wasser: 140 bis 199 mg/dl.
Ab 126 mg/dl nüchtern, ab 6,5 Prozent HbA1c oder ab 200 mg/dl im Belastungstest sprechen die Leitlinien von Diabetes. Die Diagnose stellt die Ärztin oder der Arzt nicht nach einem einzelnen Wert, sondern nach einer Bestätigung, sofern keine eindeutigen Symptome vorliegen.
Ein Wert ist übrigens kein Urteil. Nach einer durchwachten Nacht, einer Infektion oder einem üppigen Abendessen kann die Zahl am nächsten Morgen anders aussehen. Deshalb wird bei Auffälligkeiten meist nachgemessen.
Warum man es oft nicht merkt
Müdigkeit nach dem Mittagessen, Heißhunger auf Süßes, ein Gürtel, der enger wird: Das haben viele, auch mit völlig normalem Zucker. Typische Diabetes-Zeichen wie großer Durst oder häufiges Wasserlassen treten erst bei deutlich höheren Werten auf. Im Prädiabetes ist es in aller Regel still.
Ein Hinweis kann die Haut geben. Dunkle, samtige Verfärbungen im Nacken oder in den Achseln (Acanthosis nigricans) kommen bei ausgeprägter Insulinresistenz vor. Sie sind kein sicherer Beweis, aber ein Grund, den Zucker prüfen zu lassen.
Wer sich testen lassen sollte
Das Risiko steigt bei einigen Konstellationen deutlich:
- Übergewicht, besonders mit viel Fett am Bauch
- Diabetes bei Eltern oder Geschwistern
- Bluthochdruck oder auffällige Blutfette
- Diabetes in der Schwangerschaft in der Vorgeschichte
- wenig Bewegung, überwiegend sitzender Alltag
- höheres Alter
Gesetzlich Versicherte haben ab 35 Jahren alle drei Jahre Anspruch auf die Gesundheitsuntersuchung, den „Check-up“. Dazu gehört eine Blutzuckerbestimmung. Wer zu einer der Risikogruppen zählt, kann die Praxis auch früher darauf ansprechen. Hat sich der Blutdruck schon einmal gemeldet, passt das Thema ohnehin: Wie Sie dort ansetzen, steht in Blutdruck senken im Alltag, vieles davon hilft auch dem Zucker.
Was die Studien zeigen: Der Verlauf ist nicht festgelegt
Prädiabetes ist keine Einbahnstraße. In der amerikanischen Diabetes Prevention Program Study senkte eine Lebensstiländerung das Risiko, innerhalb von knapp drei Jahren an Typ-2-Diabetes zu erkranken, um 58 Prozent gegenüber der Vergleichsgruppe. Die Teilnehmenden strebten etwa sieben Prozent weniger Körpergewicht an und bewegten sich rund 150 Minuten pro Woche. Eine finnische Studie kam zum gleichen Ergebnis, ebenfalls mit 58 Prozent.
Das sind Studiengruppen mit Betreuung, und im Alltag läuft nicht alles so glatt. Die Richtung stimmt aber: Kleine Veränderungen, die durchgehalten werden, wirken stärker als ein großer Vorsatz, der im Februar verpufft.
Gegensteuern, ohne den Alltag umzukrempeln
Gewicht: wenige Kilo reichen oft
Es geht nicht um Idealgewicht. Schon fünf bis sieben Prozent weniger, bei 90 Kilogramm also etwa viereinhalb bis sechs Kilo, verbessern die Insulinwirkung spürbar. Wichtiger als die Methode ist, dass Sie sie ein Jahr durchhalten können. Strenge Kuren, nach denen das Gewicht zurückkommt, bringen wenig.
Bewegung: lieber oft als heroisch
Die WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 bis 300 Minuten moderate Aktivität pro Woche. Wer lange nichts getan hat, fängt mit zehn Minuten Gehen nach dem Essen an. Die Muskeln nehmen dann Zucker auch ohne viel Insulin auf. Zweimal pro Woche Kräftigung ergänzt das. Wie ein Einstieg aussehen kann, zeigt Bewegung statt Bettruhe: Übungen bei Rückenschmerzen, die Grundidee gilt auch hier: lieber regelmäßig und mäßig.
Essen: weniger Süßgetränke, mehr Ballaststoffe
Der größte einzelne Hebel sind oft Getränke: Limonade, Saft, gesüßter Kaffee. Danach lohnen sich Vollkorn statt Weißmehl, Hülsenfrüchte, Gemüse und Nüsse. Es braucht keine Verbote. Ein Dessert am Sonntag verschiebt nichts, der tägliche Softdrink schon.
Schlaf, Stress, Rauchen
Wer dauerhaft zu wenig schläft, entwickelt eher eine Insulinresistenz, und Stresshormone treiben den Zucker nach oben. Mehr dazu im Beitrag Schlafmedizin: Heilung für Schlafstörungen und Wege zu erholsamem Schlaf. Rauchen erhöht das Diabetesrisiko zusätzlich, ein Rauchstopp zahlt sich auch hier aus.
Und Medikamente?
In bestimmten Fällen besprechen Ärztinnen und Ärzte auch eine medikamentöse Unterstützung, etwa bei sehr hohem Risiko. Das entscheidet die Praxis im Einzelfall. Mit Tabletten auf eigene Faust oder mit Nahrungsergänzungsmitteln, die „den Zucker regulieren“ sollen, ist niemandem geholfen.
Wie oft kontrollieren?
Ein Prädiabetes sollte nicht einmal festgestellt und dann vergessen werden. Üblich sind Kontrollen etwa einmal im Jahr, bei hohem Risiko auch häufiger. Wie oft genau, legt die Praxis fest. Notieren Sie sich den Termin, denn ohne Beschwerden gerät er leicht in Vergessenheit.
Wann Sie zeitnah zum Arzt sollten
Lassen Sie den Zucker zeitnah prüfen, wenn Sie über Wochen ungewöhnlich großen Durst haben, sehr häufig Wasser lassen, ohne Absicht abnehmen, ständig müde sind, schlecht heilende Wunden bemerken oder wiederkehrende Infekte haben. Das können Zeichen eines manifesten Diabetes sein.
Sofort ärztliche Hilfe, im Notfall über 112, brauchen Sie bei starker Übelkeit mit Erbrechen und Bauchschmerzen, auffällig tiefer, schneller Atmung, Verwirrtheit oder Bewusstseinstrübung bei bekannt hohem Zucker.
Häufige Fragen
Wird aus Prädiabetes immer Diabetes?
Nein. Das Risiko ist erhöht, aber es gibt keinen Automatismus. Bei einem Teil der Betroffenen normalisieren sich die Werte nach Veränderungen von Gewicht, Bewegung und Ernährung wieder.
Reicht ein einzelner Messwert für die Diagnose?
Meist nicht. Ärztinnen und Ärzte bestätigen auffällige Werte durch eine zweite Messung oder eine andere Methode, etwa den HbA1c-Wert zusätzlich zum Nüchternzucker.
Kann ich den Zucker selbst zu Hause messen?
Mit einem Messgerät für die Fingerbeere ist das technisch möglich. Für die Diagnose zählt aber die Messung im Labor. Heimwerte können verunsichern, wenn Sie nicht wissen, wie Sie sie einordnen sollen. Sprechen Sie das vorher mit der Praxis ab.
Dürfen Menschen mit Prädiabetes noch Süßes essen?
Ja, in Maßen. Entscheidend ist, was den Alltag bestimmt. Gezuckerte Getränke und große Mengen Weißmehlprodukte täglich tun dem Zucker mehr weh als ein Stück Kuchen am Wochenende.
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Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- American Diabetes Association Professional Practice Committee: Classification and Diagnosis of Diabetes, Standards of Care in Diabetes. Diabetes Care 2024;47(Suppl 1).
- World Health Organization / International Diabetes Federation: Definition and diagnosis of diabetes mellitus and intermediate hyperglycaemia. Report of a WHO/IDF consultation, Genf 2006.
- Knowler W. C. et al.: Reduction in the incidence of type 2 diabetes with lifestyle intervention or metformin (Diabetes Prevention Program). New England Journal of Medicine 2002;346(6):393–403.
- Tuomilehto J. et al.: Prevention of type 2 diabetes mellitus by changes in lifestyle among subjects with impaired glucose tolerance. New England Journal of Medicine 2001;344(18):1343–1350.
- World Health Organization: WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour. Genf 2020.