Sie steigen aus dem Auto, und ein Schmerz fährt vom Gesäß die Rückseite des Oberschenkels hinunter bis in die Wade. Husten macht es schlimmer. Der Rücken selbst tut dabei oft weniger weh als das Bein. Im Alltag heißt das Ischias, Ärzte sprechen von einer lumbalen Radikulopathie: Eine Nervenwurzel an der Lendenwirbelsäule ist gereizt oder eingeengt. Woran Sie den Nervenschmerz erkennen, was in den ersten Wochen hilft und bei welchen Zeichen keine Zeit zu verlieren ist, lesen Sie hier – geschrieben für alle, die gerade selbst mit einem ziehenden Bein auf dem Sofa sitzen.

Der Schmerz sitzt im Bein, die Ursache im Rücken
Der Ischiasnerv ist der dickste Nerv des Körpers. Er setzt sich aus mehreren Nervenwurzeln zusammen, die im unteren Teil der Wirbelsäule aus dem Wirbelkanal austreten, und zieht dann durch das Gesäß bis in den Fuß. Wird eine dieser Wurzeln bedrängt, meldet das Gehirn den Schmerz dort, wohin die Wurzel ihre Fasern schickt. Also im Bein.
Am häufigsten drückt ein Bandscheibenvorfall auf die Wurzel. Bei älteren Menschen kommen knöcherne Engstellen dazu, die sich über Jahre durch Verschleiß bilden. Mechanischer Druck ist dabei nur die halbe Erklärung: Das ausgetretene Bandscheibengewebe löst rund um die Nervenwurzel eine Entzündung aus, und sie macht einen großen Teil des Schmerzes. Das erklärt, warum die Beschwerden abklingen können, obwohl der Vorfall auf einem späteren Bild noch zu sehen ist.
Ischias oder „nur“ Kreuzschmerz? Drei Anhaltspunkte
Auch gewöhnliche Kreuzschmerzen können ins Gesäß und in den Oberschenkel ziehen. Bis unter das Knie reichen sie selten. Für eine gereizte Nervenwurzel sprechen diese Merkmale:
- Der Schmerz folgt einem Streifen – etwa über die Außenseite des Unterschenkels zum Fußrücken oder über die Wade zur Fußaußenkante. Viele können ihn mit einem Finger nachzeichnen.
- Kribbeln, „Ameisenlaufen“ oder ein pelziges Gefühl im selben Streifen.
- Husten, Niesen und Pressen verstärken das Ziehen im Bein, weil dabei der Druck im Wirbelkanal steigt.
Ein dumpfer, breitflächiger Schmerz, der beim Bewegen besser wird und oberhalb des Knies endet, passt eher zu nicht-spezifischen Kreuzschmerzen wie einem Hexenschuss. Sicher unterscheiden lässt sich beides erst bei der Untersuchung.
Wann Sie sofort zum Arzt sollten
Schmerz allein ist unangenehm, aber kein Notfall. Gefährlich wird es, wenn der Nerv seine Arbeit nicht mehr tut. Wählen Sie den Notruf 112 oder fahren Sie in eine Notaufnahme bei diesen Zeichen:
- Taubheit am After, an den Genitalien oder an den Innenseiten der Oberschenkel, also dort, wo man auf einem Sattel sitzt;
- Urin lässt sich nicht mehr halten oder die Blase lässt sich nicht entleeren, Stuhl geht unbemerkt ab;
- eine frische Lähmung: Der Fuß schleift beim Gehen, Sie können nicht auf den Zehen oder auf den Fersen stehen, das Knie knickt weg;
- Beschwerden in beiden Beinen gleichzeitig mit zunehmender Schwäche.
Hinter den ersten beiden Punkten kann ein Kauda-Syndrom stecken, bei dem das Nervenbündel am Ende des Wirbelkanals gequetscht wird. Hier zählen Stunden.
Tückisch ist ein anderer Verlauf: Der Schmerz lässt plötzlich nach, während das Bein schwächer wird. Das kann bedeuten, dass die Nervenwurzel aufgibt. Auch dann gehören Sie noch am selben Tag in ärztliche Hände. Zeitnah abklären lassen sollten Sie außerdem Schmerzen mit Fieber, nach einem Sturz oder bei einer Krebserkrankung in der Vorgeschichte.
Was in der Praxis passiert
Die Untersuchung dauert wenige Minuten und kommt ohne Geräte aus. Der Arzt hebt in Rückenlage Ihr gestrecktes Bein an; schießt der bekannte Schmerz dabei ins Bein, spricht das für eine gereizte Wurzel. Er prüft Reflexe an Knie und Achillessehne, lässt Sie auf Zehen und Fersen gehen und testet, ob Sie Berührungen an beiden Beinen gleich spüren. Aus diesem Muster lässt sich oft ablesen, welche Wurzel betroffen ist.
Ein MRT ist am ersten Tag meist nicht nötig. Die neurologische Leitlinie zur lumbalen Radikulopathie sieht die Aufnahme vor, wenn Lähmungen oder andere Warnzeichen vorliegen, wenn die Beschwerden trotz Behandlung über Wochen nicht nachlassen oder wenn eine Operation erwogen wird. Der Grund für die Zurückhaltung: Bandscheibenvorfälle finden sich auch bei vielen Menschen ohne jede Beschwerde. Ein Bild beweist deshalb nur dann etwas, wenn es zum Untersuchungsbefund passt.
Die ersten Wochen: Geduld mit Programm
Die meisten Bandscheibenvorfälle mit Nervenschmerz werden ohne Operation behandelt. Der Körper baut ausgetretenes Gewebe häufig von selbst ab, die Entzündung klingt ab. Das braucht Wochen. Nicht Tage.
Was die Leitlinien für diese Zeit vorsehen:
- In Bewegung bleiben, soweit der Schmerz es zulässt. Bettruhe bringt gegenüber normaler Alltagsaktivität keinen Vorteil. Kurze Wege, häufig wiederholt, sind besser als ein langer Marsch.
- Schmerzmittel, damit Bewegung überhaupt möglich ist. Welches Präparat und wie lange, legt der Arzt fest, auch mit Blick auf Magen, Nieren und andere Medikamente.
- Physiotherapie, sobald der schlimmste Schmerz nachlässt. Sie hilft, Schonhaltungen abzulegen und die Rumpfmuskeln wieder aufzubauen.
- Bei sehr starken Schmerzen können Spritzen mit entzündungshemmenden Mitteln in die Nähe der Nervenwurzel erwogen werden. Das entscheidet ein Facharzt im Einzelfall.
Viele finden eine Stellung, die das Bein entlastet: auf dem Rücken liegend, die Unterschenkel im rechten Winkel auf einem Hocker oder Kissenstapel. Als Pause zwischendurch ist diese Stufenlagerung sinnvoll. Den Tag darin zu verbringen, hilft nicht.
Beobachten Sie in dieser Zeit die Kraft. Ein einfacher Test für zu Hause: einmal täglich ein paar Schritte auf den Zehenspitzen und auf den Fersen gehen. Klappt das auf einer Seite schlechter als gestern, warten Sie nicht auf den nächsten Kontrolltermin.
Wann eine Operation zur Sprache kommt
Bei einem Kauda-Syndrom und bei schweren oder rasch zunehmenden Lähmungen wird dringend operiert, um den Nerv zu retten. Darüber gibt es keine Diskussion.
Schwieriger ist die Lage, wenn „nur“ der Schmerz bleibt. Lassen die Beschwerden trotz konsequenter Behandlung über mehrere Wochen nicht nach und passt das MRT zum Befund, kann eine Operation eine Möglichkeit sein. Sie nimmt den Beinschmerz oft schneller; auf längere Sicht nähern sich die Ergebnisse von operierten und nicht operierten Patienten in Studien an. Es ist deshalb eine Abwägung, die Sie gemeinsam mit dem Arzt treffen: Wie sehr schränkt der Schmerz Ihr Leben ein, wie lange können und wollen Sie warten? Eine zweite Meinung einzuholen, ist vor einem planbaren Eingriff an der Wirbelsäule üblich und sinnvoll.
Wenn das Bein wieder mitmacht
Das Kribbeln hält sich oft länger als der Schmerz. Nerven erholen sich langsam, ein pelziger Fleck am Fuß kann noch Monate bleiben, während alles andere längst wieder funktioniert. Sprechen Sie es bei der Kontrolle an, aber erschrecken Sie nicht darüber.
Für die Zeit danach gilt dasselbe wie bei jedem Rückenschmerz: Der Rücken braucht Muskeln, und Muskeln brauchen regelmäßige Belastung. Einfache Übungen für den Einstieg lassen sich zu Hause machen. Heben und Tragen sind nicht verboten. Steigern Sie die Last schrittweise und halten Sie sie nah am Körper.
Häufige Fragen
Wie lange dauert ein Ischias?
Bei den meisten Betroffenen bessert sich der Beinschmerz innerhalb einiger Wochen deutlich. Einen festen Termin gibt es nicht. Lässt der Schmerz nach sechs bis acht Wochen Behandlung nicht nach, wird üblicherweise neu überlegt, oft mit einem MRT.
Wärme oder Kälte?
Was Ihnen guttut. Wärme entspannt die verkrampfte Rückenmuskulatur und wird von vielen als angenehm empfunden. An der Ursache ändert beides nichts.
Darf ich mit Ischias Auto fahren?
Langes Sitzen verstärkt die Beschwerden bei vielen. Entscheidend für die Sicherheit ist die Kraft im Fuß: Wer das Pedal nicht zuverlässig treten kann oder Schmerzmittel nimmt, die müde machen, fährt nicht. Fragen Sie im Zweifel Ihren Arzt.
Ist es immer die Bandscheibe?
Nein. Engstellen durch Verschleiß, selten auch Entzündungen oder andere Erkrankungen können eine Nervenwurzel reizen. Auch Hüftgelenk und Kreuz-Darmbein-Gelenk können Schmerzen ins Bein schicken, die einem Ischias ähneln. Das zu sortieren, ist Aufgabe der Untersuchung.
Lesen Sie auch
- Hexenschuss: Was in den ersten Tagen hilft
- MRT bei Rückenschmerzen: Wann Bildgebung sinnvoll ist
- Bewegung statt Bettruhe: Übungen bei Rückenschmerzen
- Bandscheibenvorfall: Symptome, Behandlung und wann eine Operation nötig ist
Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Glocker F. X. et al. Lumbale Radikulopathie, S2k-Leitlinie. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. 2018. AWMF-Register-Nr. 030/058.
- Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) u. a. S2k-Leitlinie zur konservativen, operativen und rehabilitativen Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik. 2021. AWMF-Register-Nr. 033-048.
- Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz – Langfassung, 2. Auflage. 2017. AWMF-Register-Nr. nvl-007.