Der Rücken schmerzt seit einer Woche, das Bücken fällt schwer, und im Bekanntenkreis heißt es: „Lass doch mal ein MRT machen, dann weißt du, was los ist.“ In der Hausarztpraxis kommt dann oft die Enttäuschung – keine Überweisung in die Röhre, stattdessen Gespräch, Untersuchung und der Rat, in Bewegung zu bleiben. Dahinter steckt kein Sparzwang. Warum Ärzte bei frischen Kreuzschmerzen mit Aufnahmen zurückhaltend sind, wann ein MRT tatsächlich weiterhilft und wie sich ein Befund voller Fachwörter einordnen lässt, lesen Sie hier.

Patient liegt auf der Liege eines MRT-Geräts, eine Fachkraft bereitet die Untersuchung vor

Warum die Hausärztin erst einmal kein MRT anordnet

Die Nationale VersorgungsLeitlinie Kreuzschmerz ist an dieser Stelle ungewöhnlich deutlich: Bei akuten und wiederkehrenden Kreuzschmerzen soll keine Bildgebung erfolgen, solange Gespräch und körperliche Untersuchung keinen Hinweis auf einen gefährlichen Verlauf ergeben. Das gilt für Röntgen und CT ebenso wie für das MRT.

Der Grund ist einfach. Die allermeisten Rückenschmerzen sind nicht-spezifisch, es gibt also keine einzelne geschädigte Struktur, die man auf einem Bild finden und gezielt behandeln könnte. Die Therapie bleibt dieselbe, ob mit oder ohne Aufnahme: aktiv bleiben, Wärme, bei Bedarf für kurze Zeit ein Schmerzmittel nach ärztlicher oder pharmazeutischer Beratung. Ein Bild, das an der Behandlung nichts ändert, bringt keinen Gewinn.

Es kann sogar schaden.

Was ein MRT zeigt – und was es über den Schmerz verrät

Die Magnetresonanztomografie bildet Weichteile sehr genau ab: Bandscheiben, Nervenwurzeln, Rückenmark, Bänder, Entzündungsherde. Sie arbeitet mit einem starken Magnetfeld und Radiowellen, ohne Röntgenstrahlung. Genau diese Genauigkeit ist das Problem. Das Gerät findet fast immer etwas.

Eine Übersichtsarbeit im American Journal of Neuroradiology hat 2015 Aufnahmen von mehr als 3000 Menschen ohne Rückenbeschwerden ausgewertet. Zeichen einer Bandscheibendegeneration fanden sich bei 37 Prozent der 20-Jährigen und bei 96 Prozent der 80-Jährigen. Vorwölbungen der Bandscheibe hatten 30 Prozent der 20-Jährigen und 84 Prozent der 80-Jährigen – wohlgemerkt ohne jeden Schmerz. Solche Veränderungen gehören zum Älterwerden der Wirbelsäule wie graue Haare zum Älterwerden des Kopfes.

Wer also mit Rückenschmerzen in die Röhre geht, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen auffälligen Befund. Ob dieser Befund den Schmerz erklärt, weiß danach niemand. Viele Betroffene bewegen sich aus Sorge um die „kaputte“ Bandscheibe vorsichtiger, schonen sich und richten ihren Alltag nach dem Bild aus. Schonung und Angst vor Bewegung zählen aber zu den Umständen, unter denen akute Schmerzen chronisch werden. Hinzu kommen Behandlungen, die sich am Bild orientieren und nicht an den Beschwerden.

In diesen Fällen hilft die Aufnahme weiter

Ganz anders sieht es aus, wenn Vorgeschichte oder Untersuchung auf eine bestimmte Ursache hindeuten. Dann beantwortet das Bild eine konkrete Frage, und von der Antwort hängt die Behandlung ab. Eine Bildgebung kommt vor allem in Betracht bei:

  • Verdacht auf eine eingeklemmte Nervenwurzel mit Lähmungen oder zunehmender Schwäche im Bein;
  • Hinweisen auf einen Wirbelbruch, etwa nach einem Sturz, bei bekannter Osteoporose oder nach langer Kortisonbehandlung;
  • Fieber, Schüttelfrost oder einer kürzlich durchgemachten Infektion zusammen mit starken Rückenschmerzen;
  • einer Krebserkrankung in der Vorgeschichte, ungewolltem Gewichtsverlust oder Schmerzen, die nachts und in Ruhe zunehmen;
  • Verdacht auf eine entzündlich-rheumatische Erkrankung – typisch sind Beschwerden vor dem 45. Lebensjahr mit ausgeprägter Morgensteifigkeit, die sich bei Bewegung bessern.

Der zweite Anlass ist die Zeit. Schränken die Schmerzen den Alltag nach vier bis sechs Wochen trotz leitliniengerechter Behandlung weiterhin ein oder nehmen sie zu, soll der Arzt laut Leitlinie neu prüfen, ob eine Bildgebung angezeigt ist. Geprüft wird, nicht automatisch überwiesen: Auch zu diesem Zeitpunkt entscheidet die Untersuchung, ob ein Bild eine offene Frage klären kann.

Röntgen, CT oder MRT?

Welches Verfahren passt, richtet sich nach der Frage. Das Röntgenbild zeigt Knochen – Brüche, Fehlstellungen, die Höhe der Wirbelkörper. Bandscheiben und Nerven sind darauf nicht direkt zu sehen. Die Computertomografie stellt Knochen noch genauer dar und ist schnell verfügbar, geht aber mit einer höheren Strahlenbelastung einher. Das MRT ist die Methode der Wahl, wenn es um Bandscheiben, Nerven, Entzündungen oder Tumoren geht.

Nicht jeder kann ins MRT. Bestimmte Herzschrittmacher, Implantate und Metallteile im Körper sind ein Hindernis oder erfordern besondere Vorkehrungen; darüber klärt die radiologische Praxis vor dem Termin auf. Wer in engen Räumen Angst bekommt, sollte das vorher ansprechen. Die Untersuchung selbst ist schmerzlos, aber laut, und Sie müssen währenddessen still liegen.

Den Befund lesen, ohne zu erschrecken

Radiologische Befunde beschreiben alles, was vom Lehrbuchbild abweicht. Das klingt schnell dramatisch. Ein paar Begriffe tauchen besonders oft auf:

  • Protrusion – die Bandscheibe wölbt sich vor, ihr äußerer Faserring ist intakt.
  • Prolaps (Bandscheibenvorfall) – Gewebe aus dem weichen Kern ist durch den Faserring ausgetreten. Auch das kommt bei Menschen ohne Beschwerden vor.
  • Osteochondrose – Verschleißzeichen an der Bandscheibe und den angrenzenden Wirbelkörpern.
  • Spondylarthrose – Arthrose der kleinen Wirbelgelenke.
  • Spinalkanalstenose – der Wirbelkanal ist eingeengt. Bedeutung bekommt das erst, wenn dazu passende Beschwerden bestehen, etwa Beinschmerzen beim Gehen, die im Sitzen nachlassen.
  • „Altersentsprechend“ – das, was bei Gleichaltrigen üblich ist. Eine gute Nachricht.

Entscheidend ist immer, ob Bild und Beschwerden zusammenpassen. Drückt ein Vorfall links auf die Nervenwurzel, der Schmerz zieht aber ins rechte Bein, dann ist der Vorfall ein Zufallsbefund. Lassen Sie sich den Bericht deshalb von dem Arzt erklären, der Sie auch untersucht hat. Und fragen Sie direkt: „Erklärt das meine Schmerzen? Ändert es etwas an der Behandlung?“

Wann Sie sofort zum Arzt sollten

Bei einigen Anzeichen geht es um Stunden. Rufen Sie den Notruf 112 oder suchen Sie umgehend eine Notaufnahme auf, wenn zu Rückenschmerzen Folgendes hinzukommt:

  • Taubheit im Genital- oder Analbereich oder an den Innenseiten der Oberschenkel;
  • plötzlich können Sie Urin oder Stuhl nicht mehr halten, oder die Blase lässt sich nicht entleeren;
  • Lähmungen oder rasch zunehmende Schwäche in einem oder beiden Beinen;
  • starke Schmerzen nach einem Unfall oder Sturz;
  • hohes Fieber und Schüttelfrost.

In diesen Fällen wird die Bildgebung sofort veranlasst – hier gibt es kein Abwarten.

Häufige Fragen

Kann ich ein MRT auf eigene Kosten machen lassen?

Möglich ist das, manche Praxen bieten es als Selbstzahlerleistung an. Sinnvoller wird die Untersuchung dadurch nicht. Ist sie medizinisch begründet, übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten; fehlt die Begründung, bleibt das Risiko eines Zufallsbefunds, der mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

Mein letztes MRT ist zwei Jahre alt. Brauche ich ein neues?

Nur wenn sich die Beschwerden deutlich verändert haben. Die Leitlinie rät davon ab, Aufnahmen zu wiederholen, solange das klinische Bild gleich geblieben ist.

Im Befund steht ein Bandscheibenvorfall. Muss ich operiert werden?

Das Bild allein entscheidet darüber nie. Maßgeblich sind die Beschwerden und der Untersuchungsbefund, vor allem Lähmungen oder Störungen von Blase und Darm. Viele Vorfälle werden ohne Operation behandelt; den Weg bespricht der behandelnde Arzt mit Ihnen.

Übersieht der Arzt ohne Bild nicht etwas Gefährliches?

Gefährliche Ursachen sind selten und machen sich fast immer durch Warnzeichen bemerkbar, nach denen im Gespräch und bei der Untersuchung gezielt gesucht wird. Bessern sich die Schmerzen nicht wie erwartet, wird neu bewertet.

Lesen Sie auch

Dieser Artikel dient nur der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quellen

  1. Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz – Langfassung, 2. Auflage. 2017. AWMF-Register-Nr. nvl-007.
  2. Brinjikji W, Luetmer PH, Comstock B, et al. Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. AJNR American Journal of Neuroradiology. 2015;36(4):811–816.